The Year 2017
A Collective Chronicle of Thoughts and Observations

Welcome to what is going to be a collective chronicle of the year 2017! This journal will follow the general change that we experience in our daily lives, in our cities, countries and beyond, in the political discourses and in our reflections on the role of artists and intellectuals. Originating from several talks and discussions with fellow artists and thinkers FFT feels the strong need to share thoughts and feelings about how we witness what is going on in the world. Week after week different writers, artists, thinkers and scientists will take the role of an observer as they contribute to this collective diary.

#16 April, 17. - 23.
Verena Meis

17. April 2017
„Mir ist die Welt egal“, lese ich in Sibylle Bergs Stück „Und dann kam Mirna“, während ich eine Nacht nach dem „Evet!“, dem „Ja!“ zum Verfassungsreferendum in der Türkei in einem übervollen ICE an Ostermontag von Köln nach Berlin sitze, um „Und dann kam Mirna“ am Maxim Gorki Theater in der Regie von Sebastian Nübling zu schauen. Ist auch mir die Welt egal? Aus der Sicht einer Wissenschaftlerin kann mir eine Welt, in der universitäre Forschung staatlich kontrolliert wird, nicht egal sein, denke ich. Den Mirnas von heute wäre auch das egal. Ist Gleichgültigkeit die neue Unbeschwertheit, frage ich mich.

Abends höre ich die Mirnas chorisch sagen: „Theaterwissenschaft. Tanz. Kuratieren – Beschäftigungen für Menschen ohne besondere Interessen. [...] Wir vertrauen nur noch unserem Verstand. Der ist stabil, während alles um uns in Bewegung ist. Bürgerkriege, Attentate, seltsame Familienverhältnisse. Wir vertrauen uns, wir sind die Klugen, die wieder bei 1.0 sind.“ In der Welt des World Wide Web würde der Schritt von 2.0 zurück zu 1.0 bedeuten, wir ersetzen die „many-to-many-show“ wieder durch eine „one-to-many-show“. Es scheint, als erfreue sich die „one-to-many-show“ als Herrschaftsprinzip derzeit äußerster Beliebtheit. Ist Passivität die neue Unbeschwertheit, frage ich mich. Lest mehr Sibylle Berg!

 

18. April 2017
Meine Lektüre: Claude Lévi-Strauss‘ Das wilde Denken. Das magische Denken naturverbundener – gerne auch: „primitiver“ – Kulturen sei dem rationalen Denken moderner Kulturen nicht unähnlich. Magie und Wissenschaft befinden sich gewissermaßen auf Tuchfühlung ...

Und ich denke wild weiter: Der Wissenschaft ist die Bricolage, die Improvisation abhandengekommen. Ich bin für mehr Irrgang. Legalisiert den Irrgang! Fördert magisches Denken! Vor allem in der wissenschaftlichen Praxis!

 

19. April 2017

laibach

Die PLURIVERSALE VI der Akademie der Künste der Welt steht 2017 unter dem Motto: Die neue Linke und die alte Rechte und fragt: In welcher Hinsicht sind die Kategorien von „rechts“ und „links“ bedeutungslos geworden? Zerfällt die politische Landkarte in einen Flickenteppich rivalisierender Akteure? Ich habe Karten für das Konzert des slowenischen Kollektivs Laibach, dessen faschistische Bühnenästhetik seit der Gründung 1980 kontrovers aufgenommen wurde. Zu Laibachs politischer Verortung: „Wir sind so sehr Faschisten, wie Hitler ein Maler war.“

Ein Mix aus „Tanz mit Laibach“ und „Tanz den Mussolini“ von DAF schwirrt mir in Kopf und Ohr, während ich mich auf den Weg zur Volksbühne am Rudolfplatz, Köln mache. Ich tanze mit Laibach, von außen betrachtet regungslos, von innen betrachtet höchst aufgewühlt, und lausche Laibachs Eurovisionen, genauer: ihrem Song „Eurovision“:

There are crowds in the streets
They are crying to be heard
...
I see millions of hands
They are raised to the sky
...
In the absence of war
We are questioning peace
In the absence of god
We all pray to police
Oceans of people
Oceans of souls
...
Europe is falling apart
Europe is falling ...

Natürlich, denke ich, das Pop-Konzert kann in Zeiten von Trump, Erdogan, Putin und Orban nur als totalitäres Spektakel inszeniert werden. Nur so ist, meinem Gefühl nach, Pop auf Tuchfühlung und nicht fern von Gegenwart. Nur so ist Pop, meinem Gefühl nach, mehr als reine Zerstreuung ... meine Gedanken tanzen mit Laibach ...

... und später mit Björk: Ich habe die isländische Künstlerin in ihrem Musikvideo zu „Oceania“ vor Augen, von Quallen umgeben: „One breath away from Mother Oceania“ ...

Ob totalitäres Spektakel oder propagierte Naturverbundenheit, Pop sollte wieder stärker politisch werden!

 

20. April 2017
Adolf Hitler wäre heute 128 Jahre alt geworden ... Ich wage eine Netzanalyse und es tut sich Kulinarisches auf: Ob Eiernockerl oder Schnitzel für unschlagbare 8,88 Euro – die Zahl 88 findet als getarnter Hitlergruß unter Neonazis Verwendung –, auch Diktatoren haben selbstverständlich eine Leibspeise ... Der Führergeburtstag gibt jedoch auch Anlass zu Gedankenexperimenten à la „Was wäre, wenn Adolf die Jugend nicht überlebt hätte ...?“

Achtung! Es handelt sich um einen studentischen Spot einer Filmhochschule, es besteht keinerlei Verbindung zu Mercedes Benz:

 

21. April 2017
Ein Tag vor dem AfD-Parteitag im Maritim Hotel in Köln. Schon heute ganz Köln in Aufruhr. Sogar die Tauben: Ein dumpfer Schlag über mir, tote Taube von oben:

taube

 

22. April 2017
Nicht über die AfD, sondern über Mensch-Tier-Verhältnisse denke ich nach: Warum sehen wir Tiere an, frage ich mit John Berger. Weiter gefragt: Sehen Tiere – von Haustieren einmal abgesehen – uns an? Erwidert der Tiger im Käfig meinen Blick? Der zoologische Garten sei Berger zufolge ein Denkmal für die Unmöglichkeit solcher Begegnungen: das Raubtier als Randfigur, die das Zentrum der zoologischen Bühne scheut. Blickkontakt ausgeschlossen. Künstliche Felsformationen als Theaterkulissen. Das Gehege als Guckkasten. Zoo als Anti-Theater?

affe

 

23. April 2017
Frankreich wählt: Macron und Le Pen. Didier Eribon zufolge keine Frage des „oder“: Macron mit seiner neoliberalen Ausrichtung der Sozialdemokratie sei schlussendlich genau Teil des Phänomens, das den Aufstieg Le Pens ermöglicht habe.

Derweil denkt Sibylle Berg über die Free-TV-Premiere von „Fifty Shades of Grey“ nach und wie der Film etwas hätte werden können: „der grey mit langen roten haaren, schwarzen klamotten und einem fetisch für vögelbeobachtung- dann wärs was geworden“.

 

 

 

Verena Meis is a literature and theater scientist. After studying she started as a scientific assistant at the institute for German Philology at the Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Her main research are performance, contemporary theater, human-animal relationships and pop culture. She is founder of Quallenistitut and theater salon “AusReihe3” and also member of the advisory council for dance and theater of the regional capital Düsseldorf.

#1 January 1st - 8th Jacob Wren

#2 January 9th - 15th Toshiki Okadajapanese version

#3 January 16th - 22nd Nicoleta Esinencuromanian version

#4 January 20th - 30th Alexander Karschnia & Noah Fischer

#5 January 30th - February 6th Ariel Efraim Ashbel

#6 February 6th - 12th Laila Soliman

#7 February 13th - 19th Frank Heuel – german version

#9 February 26th - March 5th Gina Moxley

#10 March 6th - 12th Geoffroy de Lagasnerie – version française

#11 March 13th - 19th Agnieszka Jakimiak

#12 March 20th - 26th Yana Thönnes

#13 March 30th - April 2nd Geert Lovink

#14 April 3rd - 9th Monika Klengel – german version

#15 April 10th - 16th Iggy Lond Malmborg

#16 April 17th - 23rd Verena Meis – german version

#17 April 24th - 30th Jeton Neziraj

Mark Fisher
We are deeply saddened by the devastating news that Mark Fisher died on January 13th. He first visited the FFT in 2014 with his lecture „The Privatisation of Stress“ about how neoliberalism deliberately cultivated collective depression. Later in the year he returned with a video-lecture about „Reoccupying the Mainstream" in the frame of the symposium „Sichtungen III“ in which he talks about how to overcome the ideology of capitalist realism and start thinking about a new positive political project: „If we want to combat capitalist realism then we need to be able to articulate, to project an alternative realism.“ We were talking about further collaboration with him last year but it did not work out because Mark wasn’t well. His books „Capitalist Realism“ and „The Ghosts of my Life. Writings on Depression, Hauntology and Lost Future“ will continue to be a very important inspiration for our work. 

Podiumsgespräch im Rahmen der Veranstaltung "Die Ästhetik des Widerstands - Zum 100. Geburtstag von Peter Weiss"

A Collective Chronicle of Thoughts and Observations ist ein Projekt im Rahmen des Bündnisses internationaler Produktionshäuser, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

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