The Year 2017
A Collective Chronicle of Thoughts and Observations

Welcome to what is going to be a collective chronicle of the year 2017! This journal will follow the general change that we experience in our daily lives, in our cities, countries and beyond, in the political discourses and in our reflections on the role of artists and intellectuals. Originating from several talks and discussions with fellow artists and thinkers FFT feels the strong need to share thoughts and feelings about how we witness what is going on in the world. Week after week different writers, artists, thinkers and scientists will take the role of an observer as they contribute to this collective diary.

#14: 3. – 9. April
Monika Klengel

03.04.2017
Ich stehe nicht auf. Ich gehe nicht auf die Toilette. Ich mache mir keinen Tee. Ich höre keine Nachrichten. Ich checke meine Emails nicht. Nicht vor dem Frühstück. Und danach auch nicht. Ich dusche nicht, ich putze meine Zähne nicht, ich kämme mich nicht, ich schminke mich nicht. Ich verlasse das Haus nicht. Ich arbeite nicht. Ich denke nicht darüber nach, ob ich das nötig habe. Es gibt keine Produktionssitzung. Ich mache keine Kalkulation. Ich erstelle kein Anforderungsprofil. Und keinen Zeitplan. Definiere keine Deadlines. Ich errechne keinen Stundensatz. Nichts von alldem. Ich telefoniere nicht. Ich überzeuge niemanden, dass meine Arbeit wichtig ist und Geld kosten muss. Ich führe keine Selbstgespräche. Ich beantworte meine Emails nicht. Ich telefoniere nicht. Ich ärgere mich nicht. Ich esse nicht schnell ein Kebab. Ich arbeite nicht während des Essens. Ich telefoniere nicht während des Essens. Ich ruhe mich nicht für zehn Minuten auf der Couch aus. Ich höre nicht Beethoven. Ich entspanne mich nicht. Ich lese keine Artikel. Ich rauche nicht. Ich rauche nicht. Ich mache mir keine Sorgen. Ich gehe nicht ins Theater. Ich trinke kein Bier. Ich schlafe nicht ein. Ich träume nicht. Nicht ich.

 

04.04.2017
Ein Jäger wird nicht zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. In Syrien gibt es keinen Giftgasanschlag. In meiner Heimatstadt Graz wird heute keine rechts-rechtspopulistische Stadtregierung angelobt. Nein. Ich versuche nicht ruhig zu bleiben. Vom Südsudan brechen nicht 6.000 Menschen ins benachbarte Uganda auf. Der Bürgermeister sagt in seiner Antrittsrede nicht: „Die, die mich kennen, wissen, dass ich mich stark von christlichen Werten leiten lasse". Er legt sich nicht mit den Rechten ins Bett. Das tut er nicht. Das tut niemand. Nicht in Graz. Nicht in Europa. Ich habe keine Angst. Sie ist nicht diffus. Es ist nicht die Stimmungslage, die mich schreckt. Der Ostereierstreit eskaliert nicht. Ich ruhe mich nicht für zehn Minuten auf der Couch aus. Ich höre nicht Beethoven. Ich entspanne mich nicht. In St. Petersburg sterben nicht weitere Opfer an ihren Verletzungen. Das Wetter schlägt nicht um. Ich bin nicht pessimistisch. Ein Bauer stürzt nicht beim Reversieren mit seinem Traktor über einen Abhang. Trump stoppt die Zahlungen an den UN-Bevölkerungsfond nicht. Der neue Kulturstadtrat sagt nicht: „Bei Theater bin ich ganz schlecht.“ Und auch nicht: „Generell sollte man auch ein entspanntes Verhältnis zum Geldverdienen haben. Es ist nicht ganz falsch zu sagen: Der Künstler soll darüber nachdenken, ob er mit seiner Arbeit Geld verdienen kann.“ Ich vermisse nichts. Ich mache mir keine Gedanken. Nein. Ich stelle keine Fragen. Ich mache nicht weiter. Der Gegenwind wird nicht stärker werden. Ich schlafe nicht. Ich träume nicht. Nicht ich.

 

05.04.
Niemand sagt: Ich habe immer solchen Hunger in letzter Zeit. Niemand sagt: Ich habe die Mama getroffen, es geht ihr besser. Sie tut schon wieder ein bisschen fernsehen. Oder: Du siehst jünger aus. Zuckerbombe gefällig? Auch nicht: Die dürfen ja das Blaulicht nur anmachen, wenn es wirklich gefährlich ist. Das hätte ich Ihnen gleich sagen können. Und: Was täte ich ohne dich? Oder: Aber den Wasserschaden bezahlt dir ja niemand. Auch nicht: It‘s been four years now. Imagine. Und: Die Gisi will wieder heiraten. Nicht: Wie geht es dir? Hatten wir nicht ausgemacht: bis heute? Stefan, kannst du mir kurz helfen. Oder: Mein Pilz ist unter Kontrolle. Wo bleibst du denn so lange. Schon gar nicht: Nicht jetzt. Später gern. Niemand erzählt mir: Ich bin schon zwölf Mal umgezogen, jetzt bin ich gelandet. Mir ist oft schwindlig. Oder: Hast du überwiesen? Ja, freilich, sicher. Sag einfach wann! Niemand sagt: Samstag auf Sonntag habe ich frei. Das ist schön. Sei jetzt still! Es wird alles gut. Niemand sagt: Wir haben durchgelacht. Tränen. Schaust super aus. Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll. Ich sage auch nicht: Schade, dass du aufhörst bei uns. Du wirst mir fehlen. Niemand spricht. Nicht mit mir. Nicht ich.

 

06.04.
Heute wieder nicht Yoga gemacht. Heute wieder nicht mit der Steuererklärung begonnen. Heute wieder nicht Nadine angerufen. Heute wieder nicht den Installateur angerufen. Heute wieder nicht mit dem Vater spazieren gewesen. Heute wieder nicht den Osteopathen angerufen. Und den Zahnarzt nicht. Und den Frauenarzt nicht. Heute wieder nicht laufen gewesen. Heute wieder nicht die Balkonpflanzen gegossen. Heute wieder nicht inspiriert. Wieder nicht Beethoven gehört. Wieder nicht entspannt. Wieder nicht Kafka gelesen. Wieder nicht auf der Bühne gestanden. Wieder nicht leidenschaftlich auf der Bühne gestanden. Wieder nicht auf der Bühne der glücklichste Mensch gewesen. Wieder nicht glücklich über dieses Privileg. Wieder nicht ich.

 

07.04.
„Wir müssen wieder Verantwortung übernehmen und wie politische Subjekte handeln, anstatt das einfach den gewählten Vertretern zu überlassen“, sagt der Kurator in Athen nicht und ich frage mich auch nicht, wie oft ich solche Sätze schon gelesen und gehört habe. Und welche Konsequenzen das hat. Nicht hat. Haben sollte. Müsste. Könnte. Modalverben sind nicht das Beste an der deutschen Sprache. Au contraire. Es ist nicht zum Verzweifeln. Es ist nichts passiert. Heute nicht. Nie. Nicht in Stockholm. Nicht in St. Petersburg. Nicht in Istanbul. Nicht in Bangladesch. Nicht in Bagdad. Nicht in London. Nicht in Orly. Nicht in Kabul. Nicht in New York. Nicht in Damaskus. Nicht in Kiew. Nicht in Quebec. Nicht in München. Nicht auf Lesbos. Nicht auf der Balkanroute. Nicht im Mittelmeer. Nicht im Südsudan. Nicht in Washington. Nirgends. Heute ist wieder nichts passiert. Ich lasse mich nicht mehr hetzen. Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen. Ich verbiete mir nicht mein Bedürfnis nach Innerlichkeit. Ich verleugne meine Ratlosigkeit nicht. Ich lasse mich nicht verrückt machen. Ich verberge meine Müdigkeit nicht. „Ich bin kein Wutbürger, ich sage, was ist.“, sagt kein Konzernchef. So nicht, Herr Mateschitz. Nicht Sie! Ich lache. Laut. Ich schlafe. Ich träume. Nicht oder nicht ich.

 

08.04.
Ein kleines Kind brüllt im Zugabteil. So laut. So kräftig. So unerbittlich. So ausdauernd. So zornig. Unmäßig. Es ist kein Weinen. Es ist ein Krächzen. Es ist nicht angenehm. Es nervt schrecklich. Es lässt hoffen. Kein Schlaf im Zugabteil. Beethoven unmöglich. Gut so.

 

09.04.
Ich stehe auf. Nicht diffus sein. Nicht schlampig. Nicht unpräzise, unklar, panisch. Ich darf nicht. Das Schlachtfeld nicht den anderen überlassen. Den Gesellschaftsvertrag nicht aufkündigen. Und ja nicht unkonzentriert sein. Nicht humorlos, das schon gar nicht. Nein. Genauigkeit. Scharfsinnigkeit. Klarheit. Präzision. Analyse. Ehrlichkeit. Die Ambivalenz ist auszuhalten. Der Druck ist auszuhalten. Es braucht mich. Ich muss klug sein. Klüger. Weiß wer einen guten Witz? Weiß wer ein Lied? Beethoven? Weiß wer, wo meine Bergschuhe sind? Die Luft ist klar und frisch. Ist das schon pathetisch oder geht das noch? Ich weiß es nicht. Morgen ist Montag.

 

Monika Klengel (1966 in Österreich) arbeitet als Schauspielerin, Regisseurin und Choreographin seit über 20 Jahren im Theaterkollektiv „Theater im Bahnhof“ und immer wieder auch mit anderen Truppen. In ihren Performances steht die persönliche Alltagserfahrung in einem gesellschaftspolitischen Kontext im Mittelpunkt. Zumeist aus einer feministischen Perspektive. Humor ist ihr wichtig. Darüber hinaus leitet sie das „Theater im Bahnhof“ als Geschäftsführerin seit 2000, coacht junge (weibliche) Theaterleute und engagiert sich kulturpolitisch. Sie hat einen Sohn.

#1 January 1st - 8th Jacob Wren

#2 January 9th - 15th Toshiki Okadajapanese version

#3 January 16th - 22nd Nicoleta Esinencuromanian version

#4 January 20th - 30th Alexander Karschnia & Noah Fischer

#5 January 30th - February 6th Ariel Efraim Ashbel

#6 February 6th - 12th Laila Soliman

#7 February 13th - 19th Frank Heuel – german version

#9 February 26th - March 5th Gina Moxley

#10 March 6th - 12th Geoffroy de Lagasnerie – version française

#11 March 13th - 19th Agnieszka Jakimiak

#12 March 20th - 26th Yana Thönnes

#13 March 30th - April 2nd Geert Lovink

#14 April 3rd - 9th Monika Klengel – german version

#15 April 10th - 16th Iggy Lond Malmborg

#16 April 17th - 23rd Verena Meis – german version

#17 April 24th - 30th Jeton Neziraj

#18

#19

#20 May 15th - 21st Bojan Jablanovec

#21 May 22nd - 28th Veit Sprenger – german version

#22 May 29th - June 4th Segun Adefila

#23 June 5th - 11th Agata Siniarska

#24

#25 June 19th - 25th Friederike Kretzengerman version

#26 June 26th - July 2nd Sahar Rahimi

#27 July 3rd - 9th Laura Naumanngerman version

#28 July 10th - 16th Tom Mustroph – german version

#29 July 17th - 23rd Maria Sideri

#30 July 24th - 30th Joachim Brodin

#31

#32

#33 August 14th - 20th Amado Alfadni

#34

#35 August 28th - September 3rd Katja Grawinkel-Claassen – german version

#36

#37

#38 September 18th - 24th Marcus Steinweg

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10.6. #future politics No3 Not about us Without us FFT Juta

Geoffroy de Lagasnerie Die Kunst der Revolte

21.1. #future politics No1 Speak TRUTH to POWER FFT Juta

Mark Fisher
We are deeply saddened by the devastating news that Mark Fisher died on January 13th. He first visited the FFT in 2014 with his lecture „The Privatisation of Stress“ about how neoliberalism deliberately cultivated collective depression. Later in the year he returned with a video-lecture about „Reoccupying the Mainstream" in the frame of the symposium „Sichtungen III“ in which he talks about how to overcome the ideology of capitalist realism and start thinking about a new positive political project: „If we want to combat capitalist realism then we need to be able to articulate, to project an alternative realism.“ We were talking about further collaboration with him last year but it did not work out because Mark wasn’t well. His books „Capitalist Realism“ and „The Ghosts of my Life. Writings on Depression, Hauntology and Lost Future“ will continue to be a very important inspiration for our work. 

Podiumsgespräch im Rahmen der Veranstaltung "Die Ästhetik des Widerstands - Zum 100. Geburtstag von Peter Weiss"

A Collective Chronicle of Thoughts and Observations ist ein Projekt im Rahmen des Bündnisses internationaler Produktionshäuser, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

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